Freitag, 2. Juni 2017

So will die Telekom Turbo-Internet aufs Land bringen

Von Thomas Heuzeroth, Daniel Wetzel |  

Fast alle Deutschen sollen künftig schnell im Internet surfen. Den nötigen Netzausbau will die Telekom jetzt beschleunigen. Manche Kabel, die dabei genutzt werden, liegen schon jahrelang im Boden.

Die Deutsche Telekom holt sich für ihren Breitbandausbau auf dem Land Stromnetzbetreiber zu Hilfe. Eine Vereinbarung dazu schloss der Bonner Konzern jetzt mit der RWE-Ökostromtochter Innogy, dem größten Verteilnetzbetreiber für Elektrizität in Deutschland.
Zusammen wollen die beiden Unternehmen zunächst 60 Ortsnetze in ländlichen Regionen der Eifel, des Hunsrücks und des Münsterlands mit schnellem Internet versorgen. Das kündigte Telekom-Deutschland-Chef Niek Jan van Damme gemeinsam mit der Innogy-Netzchefin Hildegard Müller in Berlin an.
Damit gebe es für rund 55.000 Haushalte zum ersten Mal die Möglichkeit, einen schnellen Internetanschluss bei der Telekom zu erhalten. Der Bonner Konzern verspricht hier künftig Geschwindigkeiten von 50 bis 100 Megabit.
Wer in diesen Ortsnetzen bislang bei der Telekom war, hatte in vielen Fällen nur einen langsamen Anschluss von vielleicht einem Megabit. Zum ersten Mal können Telekom-Kunden dann über Maxdome, Netflix oder Amazon Filme streamen, was nur bei höheren Bandbreiten möglich ist.

Vorhaben für die Telekom ein Novum

Wie die „Welt“ aus dem Umfeld der Telekom erfahren hat, gibt es ähnliche Verhandlungen auch mit EWE Tel, einem Tochterunternehmen des Stromkonzerns EWE im Norden Deutschlands. EWE hat in der Vergangenheit ein Glasfasernetz gebaut, das heute 90.000 Haushalte erreichen kann.
Für die Telekom sind solche Kooperationen ein Novum. Bislang hat das Unternehmen seinen Ausbau im Alleingang vorgenommen, eine Ausnahme ist eine Kooperation mit Netcologne in Köln. „Die Zeit ist reif, ausgetretene Pfade zu verlassen“, sagte Telekom-Deutschland-Chef van Damme. Auch die Gründung gemeinsamer Unternehmen schloss der Telekom-Manager nicht aus.
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Bei den Anschlüssen von Innogy handelt es sich um Glasfaserkabel, die das Vorgängerunternehmen RWE seit etwa 2010 beim Bau neuer Stromtrassen mit im Boden verlegt hatte. Durch die neue Kooperation mit der Telekom kommt physisch also vorerst kein einziger neuer Breitbandanschluss hinzu.
Allerdings soll die Kooperation dazu beitragen, dass sich Investitionen ins Breitbandinternet auf dem Lande in Zukunft besser rechnen. Die Deutsche Telekom hatte gegenüber der Politik zugesagt, bis 2018 rund 80 Prozent der Bevölkerung mit Breitbandinternet zu versorgen. Der Konzern hatte jedoch immer klargemacht, dass er den Anschluss der übrigen 20 Prozent wirtschaftlich nicht allein stemmen könne.

Nicht alles geht mit den Innogy-Kabeln

Mit Innogy hat sich jetzt ein erster Partner gefunden. Die RWE-Tochter bot über die selbst verlegten Datenkabel zwar auch eigene Internetdienste an. Doch die zur Verfügung stehenden Kapazitäten wurden dabei nicht ausgelastet. Durch das Marketing und die Angebote der Telekom soll es nun gelingen, die bereits verlegten Breitbandkabel besser zu nutzen.
Die Erlöse aus dem Telekom-Geschäft erleichtern es Innogy, beim Stromnetzausbau in Zukunft standardmäßig Breitbandinternet mitzuverlegen. Nach Angaben des Unternehmens verlegte Innogy bislang parallel zum Stromnetzausbau pro Jahr etwa 1000 Kilometer Leerrohre. Künftig sollen hier Glasfaserkabel stets mit eingezogen werden.
Beide Unternehmen gehen davon aus, „dass die Kooperation einen wesentlichen Beitrag zum schnellen Ausbau leistet“, heißt es in einer Mitteilung. Technisch ist die Telekom jedoch noch nicht in der Lage, alle Angebote über die Innogy-Netze anzubieten. So wird es Internetfernsehen mit den Entertain- und MagentaEins-Tarifen vorerst nicht geben. „Für uns war es wichtig, schnell und umfänglich ein Angebot zu realisieren“, begründete van Damme die Einschränkung.

Deutschland im Ranking hinter Litauen und der Slowakei

Nach dem Breitbandziel der Bundesregierung soll jeder Haushalt in Deutschland bis Ende nächsten Jahres in Reichweite eines Internetanschlusses von mindestens 50 Megabit pro Sekunde sein. Allerdings lässt das Ziel eine Hintertür offen, da die geforderte Datenrate nicht mit einem Festnetzanschluss erreicht werden muss, sondern auch der Mobilfunk mitgezählt wird. Und der weist dank des Datenturbos LTE auf dem Papier enorm hohe Geschwindigkeiten aus, die jedoch rapide fallen, wenn sich mehrere Surfer dauerhaft einklinken.
Ohne das Funkinternet ist das Regierungsziel wohl überhaupt nicht zu schaffen. Nach Daten des globalen Internet-Infrastrukturbetreibers Akamai sind Bundesbürger über ihre leitungsgebundenen Anschlüsse im Schnitt mit 13,7 Megabit pro Sekunde im Internet unterwegs. Im internationalen Vergleich reicht das nur für Platz 26 – noch hinter Litauen und der Slowakei.
Vor allem der Ausbau in ländlichen Regionen stockt. Tatsächlich lohnt er sich für Unternehmen in vielen Fällen nicht, weil dort nur wenige Menschen leben. Hohe Netzinvestitionen sind dort nicht rentabel. Aus diesem Grund stellen Bund und Länder Fördermittel bereit. Ein Programm des Bundes ist mit vier Milliarden Euro versehen und läuft seit Ende 2015. Für Gewerbegebiete sind im vergangenen Jahr noch einmal 350 Millionen Euro hinzugekommen.
Darüber hinaus gibt es Fördertöpfe in den Bundesländern, von denen Bayern mit 1,5 Milliarden Euro die größte Summe beisteuert. Nach Angaben des Bundesministeriums für Verkehr und Infrastruktur (BMVI) entfallen 94 Prozent der Fördermittel auf den Glasfaserausbau. Wer also in einer solchen Förderregion lebt, darf am Ende von Glück sprechen: Nutzer bekommen dort die derzeit technisch besten Netze.

https://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article161443441/So-will-die-Telekom-Turbo-Internet-aufs-Land-bringen.html
http://speedtest.chip.de/
https://www.check24.de/dsl-handy/dsl/vergleichen/2/?wpset=google_dsl_02

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